1992, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft, veröffentlichte Nintendo in Europa die wohl erste Bigbox für das Super Nintendo – zwar ohne Spieleberater, dafür aber mit Maus. Samt Mauspad. Holy Shit. Neben der schicken SNES Maus befand sich in der Verpackung aber noch so ein komisches Spielmodul namens Mario Paint, was offensichtlich zum sofortigen Praxisgebrauch der Maus gedacht war. Hm, dachte man sich damals. Warum nicht mal ausprobieren, bis Civilization auf dem SNES erscheint, werden wohl noch ein paar Jahre ins Land ziehen.
Und schon strahlt der Titelbildschirm in seiner vollen Pracht. Man könnte jetzt ganz einfach in das eigentliche Hauptprogramm weiterklicken, oder schon mal anfangen, einige der zahlreichen Easter Eggs zu erschnüffeln. Man nehme dazu die Maus und klicke jeden einzelnen Buchstaben von MARIOPAINT an – und siehe da: Mal ändert sich die Hintergrundmusik, mal läuft Yoshi über den Screen und wenn man den Stern erwischt, der ganz hektisch über den Bildschirm fliegt, regnet es regelrecht Sterne herab.
Absoluter Kracher: Klickt man das O an, wird es zur Bombe, die runterfällt und explodiert. Die Musik stoppt, ein paar Sekunden später beginnt Kazumi Totakas „Song“ zu spielen. Dieses vierzehnsekündige Stück, das nur aus neunzehn einzelnen Bleeps besteht, hat der Spielekomponist Totaka in nahezu jedem Spiel versteckt, für das er Stücke geschrieben hat – unter anderem auch Super Mario Land 2, Luigi’s Mansion und Yoshi’s Story. Quasi eine Signatur des Komponisten und nur bei Mario Paint so was von easy zu erklicken. Großartig. Naja, und dann… das eigentliche Spiel. Wobei "Spiel" vielleicht etwas zu optimistisch klingt... Wir sehen eine leere, weiße Fläche. Wir sehen am oberen Bildschirmrand eine Zeile mit Farben, die wir benutzen können. Wir sehen unten eine Zeile mit verschiedensten Tools, Stiften und weiß der Geier was alles für einem Stuff, mit dem wir die weiße Fläche verschandeln können. 60 verschiedene Texturen. 75 verschiedene Stempel. 15 individuell designbare Stempel. 9 verschiedene Flächenradierer. Oooh, Flächenradierer! Hell yeah, Motherfucker!!! Vergesst Euren Zeichenblock, DAS ist Entertainment.
Eigene Stempel zu entwerfen, ist übrigens voll simpel. Ihr müsst lediglich Pixel für Pixel in einem vorgegebenen Raster ausfüllen und hoffen, dass im Ergebnis irgendwas zu erkennen ist. Kleiner Tipp: Im ersten SNES-Spieleberater gibt es ein paar Vorlagen. Nachdem wir unseren Adrenalinhaushalt nach diesen ganzen Features wieder auf ein erträgliches Maß heruntergefahren haben, klicken wir ohne böse Vorahnung auf das Symbol mit der Kaffeetasse und landen ohne großes Federlesen mitten in… … GNAT ATTACK! Whoa! Seid Ihr bereit für ein sehnenscheidenentzündendes, nie auf 16Bit zuvor dagewesenem Spielerlebnis der unbekannten Art? Dann greift Eure Maus und legt los! Als Handschuh mit Fliegenklatsche macht Ihr Euch auf die Jagd nach stechwütigem Mückenpack und müsst alles, was flattert, fadenkreuzshootermäßig erlegen, bevor es Euch, also den Handschuh, piekst. In drei erbarmungslosen Levels gilt es, zunächst jeweils hundert kleine Flatterviecher wegzuklatschen, bevor der Levelboss erlegt wird. Danach geht's gleich von neuem los, das Ding läuft in einer nie endenden Endlosschleife. Ein toller Gameplay-Kniff, der den Spielspaß von Gnat Attack unendlich macht!!!
Neben einem kleinen Animationsstudio, in dem Ihr Tricksequenzen von pixaresker Qualität erstellen könnt, gibt es noch einen Spielmodus, der sogar das Super Nintendo selbst überlebt hat: Das Tonstudio. Auf einer Tonleiter drapiert ihr Symbole aus dem Mario-Universum, die für Töne aus dem Mario-Universum stehen. Geschickt kombiniert und mit dem richtigen Tempo abgespielt, lassen sich so mitunter durchaus hörbare Eigenkompositionen erstellen. Mittlerweile wurde dieses Tonstudio als eigenständiges PC-Programm veröffentlicht und YouTube quillt über mit Videos, auf denen Kiddies bekannte Songs nachspielen. Und unter jedem zweiten Video die Frage in den Kommentaren: „Wieso heißt das eigentlich Mario Paint Composer? Is doch gar nix mit malen hier!“ Über eine Batterie verfügt das Spiel übrigens auch. Die selbstgemalten Bilder, selbstkomponierten Lieder oder selbstgedrehten Animationsfilme lassen sich im eingeschränkten Rahmen abspeichern. Wer komplette Galerien füllen will, muss tricksen. Da bleibt dann nur noch der Griff zum Videorekorder, um die erstellten Kreationen wenigstens oldschool auf VHS abzuspeichern. Und das ist aber mal so was von absolut retro!
Zu Mario Paint könnt ihr in unserem Forum mitdiskutieren!
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. August 2011 um 16:53 Uhr