Super Soccer Drucken E-Mail

Geschrieben von: Christian   
Montag, den 08. August 2011 um 07:06 Uhr

bewertungskasten_super_soccer_ohne_sternChristianSuper_Soccer.000png_thumbFußball. Der Deutschen liebstes Kind. Hurra!!! Ich erinnere mich noch lebhaft an den Anfang der Neunziger Jahre: Klar verdienter Weltmeister in Italien, wo die Argentinier in der Finalrevanche endlich anständig Grass zu fressen bekamen! Fast-Europameister in Schweden (und da auch nur von den doofen, nachnominierten Dänen gestoppt, die sich in den örtlichen McDonald’s-Filialen vermutlich mehr als nur regelmäßig mit Maxi-Menüs gedopt haben). Klinsmann, Völler, Matthäus, Brehme, Illgner, Berthold, Buchwald – Helden einer ganzen Generation.

Wer träumte damals nicht davon, die Heroen in Schwarz und Weiß eigenhändig zum Titel zu führen? Und wie euphorisch waren die Gefühle, als kurz nach der Veröffentlichung der SNES-Konsole in Deutschland ein Fußballmodul in den Händlerregalen stand? Das auch noch offiziell von Nintendo gepusht wurde? Und SUPER Soccer hieß? Wenn das mal kein Zeichen war! Als fußballverrücktes High End-Konsolenkind der damaligen Generation war es natürlich ein Muss, sein Super Nintendo mit Hudsons Ballartisten-Spiel zu füttern.

Super_Soccer.250png_thumbGut, auf Matthäus und Brehme musste man verzichten. Stattdessen war es aber nicht schwer zu erraten, wer sich hinter den landestypischen Namenssurrogaten „Rudi“ und „Lothar“ verbarg. Und eigentlich ging es vorrangig sowieso darum, mit dem Spiel selbst anzugeben. Was alleine durch das Intro schon gelang, das mit schmissigem Gitarrenrock und Mode 7-Effekt für offene Münder sorgte. Und das Spiel erst! Okay, es gab nur 16 Teams zur Auswahl. Und einen Weltmeisterschaftsmodus suchte man auch vergeblich. Stattdessen bestand der Turniermodus simplerweise darin, einfach alle CPU-Teams stur der Reihe nach zu besiegen – vom schwächsten Gegner beginnend, bis hoch zum stärksten Kontrahenten. Da sorgte aber der Passwortmodus dafür, dass die Anstrengungen nicht umsonst waren. Denn schließlich ging jede Partie über zweimal fünf Minuten Echtzeit netto – da konnte schon mal ein Nachmittag draufgehen. Nur verschämt möchte ich gestehen, dass ich mir damals die Zähne an den Kolumbianern ausgebissen habe. Sommerliches Freibadwetter zum Trotze, diese Säcke mussten bezwungen werden! Irgendwann war's geschafft, auf Kosten viereckiger Augen.

Super_Soccer.205png_thumbWer Super Soccer spielt, spielt aber nicht alleine. Zwei Spieler können sich bekriegen und erbitterte Duelle austragen, was natürlich auch bedeutet, dass sich beide ganz chancengleich mit dem eher rudimentären Gameplay auseinandersetzen müssen. Das Spielfeld scrollt vertikal und wird mit Hilfe des Mode 7-Chips perspektivisch korrekt vor- und zurückgezoomt, lediglich die Proportionen der Torhüter in ihren Hütten sind nicht ganz so korrekt. Denn anders als die Tore werden die Sprites nicht gezoomt, was den Torwart im oberen Kasten irgendwann zwei Meter groß werden lässt. Aber Realismusfanatismus ist für ein Spiel wie Super Soccer eh völlig unangebracht. Hier geht es lediglich ums Bolzen, hier interessiert sich keine Sau für Taktik, Formation oder Offensivaufgaben der Außenverteidiger. Hier herrscht noch erfrischende Anarchie auf dem Fußballfeld. Wie bei der E-Jugend! Dementsprechend stehen auch nur wenige Facetten der Ballbehandlung zur Verfügung: Der direkte Flachpass in die Füße des Mitspielers, der mit einem Pfeil markiert ist, der planlos lang und hoch nach vorne geschlagene Ball und der flache, aber knochentrockene Abschluss.

Super_Soccer.084png_thumbKick Off-mäßig lässt sich die Kugel nach dem Verlassen des Schuhwerkes noch mit dem Digikreuz flugbahnmäßig beeinflussen, was herrlich angeschnittene Befreiungsschläge ins gegnerische Helbfeld ermöglicht, direkt in den Lauf des eigentlich fünfundzwanzig Meter im Abseits stehenden Stürmers, was aber völlig wurscht ist, weil das Modul diese Regel nicht kennt, besagter Stürmer kriegt den Ball genau auf den Schlappen, prescht mäßig animiert auf den herausstürmenden Torwart zu, platzierter Schuss ins lange Eck…. Puh. Apropos Torwart: Es gibt die Möglichkeit, die Knaben selber zu steuern, was absolut zu empfehlen ist. Einerseits reagieren die Fliegenfänger, wenn von der künstlichen Doofheit gesteuert, träger als Reiner Calmund auf dem Laufband, andererseits ist es im Zweispielermodus einfach genial, wenn man blind aufs Tor holzt und der Gegenspieler seine Finger nicht sortiert kriegt und sich das Leder mitunter noch selber ins Nest haut. Schadenfreude vorprogrammiert! Für die Rache danach bieten sich die schienbeinbrechende Blutgrätsche und der Brutalo-Bodycheck an; in Fairplay-Kreisen stilsicher zelebriert, natürlich.

Super_Soccer.183png_thumbDoch Achtung: Wer den Oberkörper einsetzt, muss damit rechnen, zurückgepfiffen zu werden! FOUL! Es folgt der brillanteste Moment des ganzen Spiels. Ein kleiner, fetter Schiedsrichter, der in seiner Erscheinung frappierend dem österreichischen Unparteiischen Helmut Kohl ähnelt (der pfiff 1990 das WM-Viertelfinale Deutschland vs. CSSR), tapst von der Seite in die Szenerie und zückt den gelben oder roten Karton. Mein „Sprite des Monats“, alleine wegen des Super Mario-Gedächtnisschnauzers! Und so verbringt Ihr unbeschwerte Fußballabende mit übelstem Kick and Rush der schlimmsten Sorte, für den sich heute sogar jeder britische Achtligist schämen würde. Musikalisch rockt Super Soccer aber nach wie vor derbe, jedes der zwölf Länder hat einen eigenen Song von vielleicht neunzig Sekunden durchschnittlicher Spielzeit komponiert bekommen. Viele verursachen in der Endlosschleife Ohrwürmer dritten Grades, allerdings geht es dem Sound besser als der Grafik, an der hat der Zahn der Zeit doch ziemlich genagt. Super Soccer ist mittlerweile nur noch eine hässliche Alte, da haben junge, frische Schönheiten wie International Superstar Soccer Deluxe einiges mehr zu bieten.

Fazit des Autors - ChristianNostalgiebonus +2000! Super Soccer ist herrlich unkompliziertes Gebolze aus der Gameplay-Steinzeit, das den Spieler gar nicht erst mit Realismus verwirren will, sondern schonungslos Pragmatismus ist seiner puristischsten Form praktiziert. Wer keinen Bock hat auf ellenlange Strategietüftelei oder Taktikgeplänkel, dem sei dieser Klassiker wärmstens empfohlen. Wird einem originalverpackt schon für eine Handvoll Euros hinterhergeschmissen, da zum Glück fast niemand den wahren Wert dieses zeitlosen Geniestreichs zu würdigen weiß. Also: Olaf Thon-Schnauzer angeklemmt, Mike Werner-Vokuhila aufgesetzt und Back To The 90’s!!

Zu Super Soccer könnt ihr in unserem Forum mitdiskutieren!

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 10. August 2011 um 16:28 Uhr