Harvest Moon Drucken E-Mail
Geschrieben von: Moi-Même   
Montag, den 29. März 2010 um 00:00 Uhr

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harvest_moon_1_thumbEs kommt die Zeit im Leben eines jeden jungen Mannes, da er sich aus der Obhut seines Elternhauses lösen und seinen eigenen Weg beschreiten muss. Das handelsübliche Rollenspiel verstünde unter diesem eigenen Weg nun die traditionelle Weltenrettung. Die beschauliche Welt des RPG-Querdenkers Harvest Moon hingegen bedarf keiner Rettung mehr, und dennoch hat unser Protagonist gewaltiges mit ihr vor: Rüben, Kartoffeln, Milch und Mais um genau zu sein. In diesem kleinen Review möchte ich heute unter sehr subjektiven Gesichtspunkten die ‚Spreu vom Weizen’ trennen und mich an der Frage versuchen, weswegen Harvest Moon einen ganz besonderen Platz im Herzen vieler Spieler hat.

Zu Anschauungszwecken hat sich der erfolgreiche Farmer Billy im Folgenden bereiterklärt, Teile seines Tagebuches zur Verfügung zu stellen!

Auszüge aus dem Tagebuch von Billy dem Farmer – 29. Frühling.

Lebe nunmehr einen Monat auf Grossvaters alter Farm. Frage mich, weshalb die örtliche Gemeinde nicht zwischen Monat und Jahreszeit unterscheidet. Farm war ziemlich runtergekommen, habe erst einmal die Zäune erneuert und Rüben gepflanzt. Bekam auch einen Hund geschenkt. Habe ihn Puffy genannt. Puffy ist doof und zu nichts nütze. Leide unter akutem Geldmangel. Gehe daher täglich in den Wald, Pilze sammeln. In dieser Gegend bleibt die Zeit nach Einbruch der Dunkelheit irgendwie stehen. Bewässere dann meine Pflanzen. Finde Tagsüber einfach keine Zeit dafür, Händler taucht leider viel zu früh auf. Während der Erntezeit laufe ich den lieben langen Tag zwischen Feld und Sammelbox hin und her. Kann bloss eine Sache zur Zeit tragen. Brauche dringend einen Erntekorb. Sehr eintönig, das Leben hier.

harvest_moon_2_thumbVom ersten bis zum letzten Tag bleibt Harvest Moon konsequent monoton. Besonders zu Beginn des Spieles verfolgen wir – abgesehen von wenigen Ausnahmen – vom Prinzip her tagein tagaus denselben Ablauf. Säen, giessen, ernten, verkaufen. Ein wenig Holz hacken gehört ebenfalls zur täglichen Pflicht. Kaum haben wir unseren ersten Profit gemacht, setzen wir ihn sogleich zur Erweiterung unserer Felder ein. Das fügt unserem Bauerndasein nicht etwa neue, aufregende Aspekte bei, sondern erhöht schlicht den Arbeitsaufwand, den wir in unsere tägliche Routine investieren müssen. Hierbei ist stets Eile geboten, denn in Harvest Moon rasen die Tage in absurdem Tempo der Nacht entgegen. Was nicht bis fünf Uhr in der Sammelbox landet, vergammelt über Nacht entweder oder muss am Folgetag verkauft werden. Während der beiden Gemüsesaisons im Frühling sowie im Sommer arbeitet unser armer Farmer deshalb gezwungenermassen oft in die Dämmerung hinein.

Tagebuch von Billy dem Farmer – 27. Herbst.

Farm läuft ganz ordentlich. Dörfler sind ganz heiss auf meine Waren. Schmied hat mein Werkzeug verbessert, Feldarbeit ist nun leichter. Konnte auch mein Haus ausbauen lassen. Ist nun viel schöner. Puffy etwas gewachsen, aber immer noch doof. Hab mir auch ein paar Hühner geholt, sowie einige Rinder. Melken macht Spass, seid Wochen die einzigen Euter, die ich in die Finger bekomme. Mumili ist gerade trächtig. Muss dringend die Weide mähen. Winter kommt, aber Silo ist leer.

Eines der eher nennenswerteren Ziele jedes Harvest Moon Liebhabers ist höchstwahrscheinlich, den Stall so bald als möglich mit Nutztieren zu füllen. Hierfür gilt es zweierlei Bedingungen zu erfüllen. Während Hühner billig sind und sich zügig nachzüchten lassen, kostet eine Kuh bereits ordentlich Schotter (eine Investition die sich erst auf lange Sicht auszahlt – Kühe benötigen knapp eine Jahreszeit, um das melkfähige Alter zu erreichen). Zudem müsst ihr genügend Heu bereitstellen, wenn der Viehhändler eines seiner Tiere in eure Obhut geben soll. Wer nun glaubt, durch die Haltung von Hühnern und Kühen würde das langweilige Gameplay um eine aufregende Facette bereichert, den muss ich leider enttäuschen. Abermals stürzen wir uns hier in Monotonie und Langeweile. Tagtäglich wollen unsere Kühe gebürstet, bequasselt, gefüttert und gemolken werden, andernfalls werden sie krank und verweigern die Milch. Vorteil dieser soliden Einnahmequelle ist einzig, dass während der Umsorgung unseres Viehs kein Zeitdruck besteht. Innerhalb aller Gebäude steht die Zeit stets still.

Tagebuch von Billy dem Farmer – 15. Winter.

Habe Puffy ins Haus geholt, wegen Schneesturm. Bereue es jetzt schon. Bin jetzt öfter drüben im Dorf. Finde endlich Zeit, die Weiber zu umgarnen. Werde mir Ellen klar machen, die Tochter des Viehhändlers. Die sieht zwar aus wie ein Kerl, steht aber total auf meine Eier. Sehe das pragmatisch, Eier sind kein grosser Verlust. Das Mädel kriegt jeden Tag aufs Neue ’nen Anfall, wenn ich ihr den Dotter vor die Nase halte. Schnüffel auch gern in ihrem Tagebuch herum. Das schreibfaule Gör kritzelt da nichts als Herzen hinein. Müsste sie Ende Frühling vor’n Altar gekriegt haben, wenn’s weiter gut läuft.

harvest_moon_3_thumbEbenfalls Ziel des Spieles ist es, eine Frau zu finden und Nachwuchs zu zeugen. Das alte Sprichwort „Liebe ist Arbeit“ ist hierbei in bewährter Harvest Moon-Monotonie besonders bezeichnend. Im Liebestaumel gilt es, der Herzensdame über Wochen hinweg tagtäglich ein und dasselbe Geschenk zu machen, bis wir ihr eines schönen Tages mittels blauer Feder den Antrag machen dürfen. Nach einer kurzen Quest läuten dann die Glocken, schliesslich werdet ihr nach einiger Zeit und abermals unzähligen Geschenken mit einem plärrenden Balg belohnt. Himmlisch.

„Ja verdammt, wo ist denn hier der Punkt“, mögt ihr jetzt ganz berechtigt schimpfen. Nun, in den oberen sieben Absätzen findet sich auffällig oft das inhaltsschwere Wörtchen Monotonie. Alles bis hierhin Geschilderte liesse sich wohl unter diesem Begriff zusammenfassen. Wenn wir also in Harvest Moon bloss stets mit irgendeinem Gegenstand von A nach B laufen, wenn sich das abwechslungsfreie Gameplay immer wieder erbarmungslos wiederholt, wie kann es dann sein, dass eine gewaltige Fanbase mit diesem Spiel nichts Geringeres assoziieren mag als Sucht?

Ich selbst bezeichne mich als einer dieser Fans. Die geschilderte Langeweile Harvest Moons empfinde ich gleichwohl als solche, und dennoch fesselt mich dieses Spiel immer wieder an den Bildschirm. Harvest Moon ist im Rahmen seiner visuellen Möglichkeiten der bitgewordene Gestaltungswahn. Trotz aller Monotonie quält mich im Hinterkopf während jeder Routinearbeit der immense Wille, einen tollen Bauernhof aufzubauen. Ob ich nun für den Ausbau meines Hauses schufte, für eine neue Kuh oder einfach einen neuen Zaun. Ob ich meiner Hochzeit entgegeneifere oder ob ich mich auf eines der wenigen Dorffeste freue. Stets bewältige ich alle Mühen wie hypnotisiert in Hinblick auf jenen Plan vom Traumhof, den sich jeder Harvest Moon Freund liebevoll im Kopf zurechtlegt. Der eingefleischte Fan möchte sich sein eigenes Paradies erschaffen, es hegen und pflegen. Jeder Schritt dorthin erfüllt Spiel und Spieler mit Sinn und Freude. Hieraus folgt zwangsläufig: Wer sich mit dem Bauernsetting nicht anfreunden kann, der wird Harvest Moon wohl für seinen Teufelskreis der Langeweile hassen. Für alle anderen gilt: Harvest Moon bedeutet friedliche Emotionen, warmherzige Tierliebe und ein stimmiges Idyll.

Tagebuch von Billy dem Farmer – 1. Frühling; Jahr 2.

Hab jetzt einfach mal ein Jahr abgewartet und zweifle langsam an meinem Verstand. Höre ständig Musik in der Luft und kann mir einfach nicht erklären, woher die kommt. Wundere mich ausserdem über meine Kühe. Sehen einfach alle gleich aus.

harvest_moon_4_thumbOrdentlich zu meckern gibt es technisch gesehen eigentlich wenig. Werfen wir einen Blick auf die Charaktersprites: Harvest Moon war eines der letzten Spiele auf dem Super Nintendo, trotzdem erinnern die Charaktere eher an jene aus Lufia oder Breath of Fire. Die meisten Hintergründe sind andererseits ziemlich bestechend. Das Farmhaus ist detailliert und unsere Pflanzen durchlaufen eine Reihe hübsch umgesetzter Stadien. Mit der Grafik von Harvest Moon bin ich voll zufrieden, nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Der Sound ist sicherlich Geschmackssache. Werfen wir ein Erzeugnis in die Sammelbox, so erinnert das zugehörige Geräusch wohl am ehesten an Klo und Pümpel. Das Scrollen der Textboxen klingt wie die Störfrequenz eines Radarsystems, und wer in der Lage ist, mir eine passende Definition jenes Klanges zu liefern, welcher beim Zerlegen von Baumstümpfen ertönt, nun, dem gebe ich …. ein Ei. Die Musik hingegen, liebe Kinder, ist der Inbegriff eines Ohrwurmes. Simpel und einprägsam. Vier (wirklich passende) Stücke unterlegen die Jahreszeiten, Dorf und Berge haben ebenfalls ihr eigenes Thema. Da wir häufig zwischen diesen Bereichen hin und her wechseln, erweist sich die Musik von Harvest Moon als annehmbar abwechslungsreich.

Fazit des Autors - Moi-Même Schon die Bibel sagt, wir sollen unser Brot im Schweisse unseres Angesichts verdienen. Obwohl sich Harvest Moon als Rollenspiel versteht, möchte ich es mitnichten als ein solches bewerten. Täte ich es, so müsste ich konsequenterweise Handlung und Gameplay zu den Säulen meiner Wertung machen. Deutlicher liesse sich gar nicht am Punkt dieses Spieles vorbei schreiben! Tatsache ist: Kein anderes Spiel auf dem Super Nintendo bietet mir mehr Möglichkeiten, etwas Eigenes, Persönliches einzubringen. Und – weil Innovation in der Spielebranche ja soviel zählt – dieses Spiel ist wirklich anders. Dem gekonnten Mix aus Wirtschaftssimulation und Rollenspiel gebe ich nur deshalb nicht mehr als sieben Punkte, weil ein wirklich grandioser Titel unter allgemeinen Bedingungen von der Bereitschaft des Spielers, sich darauf einlassen zu müssen, unabhängig sein sollte.
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 29. März 2010 um 22:20 Uhr