Die wunderbare Welt der Super Nintendo RPGs! Unfassbar, wie viele große und kleine Klassiker diese alte Konsole im Bezug auf dieses Genre hervorgebracht hat. Schon allein die Anzahl der Toptitel, die es nicht nach Europa oder zumindest in die USA geschafft haben. Und dann released Enix dieses Spiel im Westen. Absolut oldschool, minimalistisch in der Story und bockschwer. Kein Wunder, dass dieses Spiel alles andere als ein Verkaufsschlager wurde. Selbst heute noch wird Paladin's Quest von RPG-Fans eher unter den Teppich gekehrt oder gar gänzlich verschmäht.
Ich hingegen finde, das Spiel hat ein respektierliche Sechs wirklich mehr als verdient. Jawohl. Hier geht es nicht um Milde und ich habe mich auch nicht um eine Zahl vertippt. Paladin's Quest ist nämlich gar nicht so schlecht. Nein, ist es wirklich nicht. Ihr schüttelt mit dem Kopf, weil ihr es kurz angespielt habt und sich all die Kritik scheinbar bewahrheitete? Dann gebt mir zumindest die Chance meine Meinung zu diesen Titel zu vermitteln. Vielleicht verspüren RPG-Fans nach diesem Review ja doch die Laune, dem Spiel eine Chance zu geben.
Die Story ist zugegebenermaßen wirklich ein Schwachpunkt des Spiels. Der Protagonist ist ein ziemlich neugieriger Magielehrling, der scheinbar nichts Besseres zu tun hat als an einem ruhigen Nachmittag an einer Apparatur seiner Schule rumzufummeln. Unglücklicherweise befreit er dabei eine dunkle Macht und seine gesamten Mitmenschen und die Akademie werden prompt dem Erdboden gleichgemacht. Blöde Sache. Das darf er zum Zweck der weiteren Schadensvermeidung auch gleich auf seiner frisch begonnenen Odyssee durch die Fantasiewelt Lennus richten. Dabei trifft er auf einige mehr oder weniger Interessante NPCs, die ihm Quests aufdrücken, kurz unterstützen oder sogar dauerhaft angeworben werden dürfen, was in einem netten kleinen Anwerbesystem fruchtet. Dazu jedoch erst später mehr - halten wir zunächst fest, dass die Story wirklich höchstens zweckmäßig ist und den Spieler eher minimal bei Stange hält. Erst gegen Ende überrascht sie mit einigen kleinen Twists, die aber den Gesamteindruck auch nicht groß heben. Wen es beim Spielen von RPGs eher nach einer netten Storyline dürstet, der wird mit Paladin's Quest wohl nicht so wirklich glücklich.
Ein deutlich gelungener Gesichtspunkt ist allerdings die Spielwert selbst: Die Städte, Völker und Umgebungen sind nämlich recht vielfältig, das Spiel pflegt einen sehr eigenen Grafikstil und verbreit insgesamt einen ganz eigenen Charme. Einige Völker sind z.B. miteinander verfeindet, pflegen ihren eigenen Lebensstil (z.B. als Nomaden) und treten der Party sehr unterschiedlich entgegen. Die verschiedenen Kontinente und Städte könnten auch abwechslungsreicher kaum sein und sind vom Setting sehr unterschiedlich angehaucht. Nette Dungeonideen, wie Monster, die sich nach der Flucht an eure Fersen heften und kleine Rätsel hat das Spiel ebenfalls zu bieten. Etwas schwächer ist es da allerdings mit dem Dingen abseits des Hauptquests. Versteckte Dungeons, Sidequests oder Schätze sind nämlich eher die Ausnahme. Doof, denn ein gutes RPG benötigt schließlich auch ein paar Secrets. Man will ja schließlich auch etwas entdecken. Abgesehen von diesem Makel wirkt die Spielwelt von Paladin's Quest aber wirklich äußerst durchdacht. Übrigens, sehr witzig: Mit Warpflugzeugen oder Zeitreisekugeln etwa wurden in Paladin's Quest ein paar spaßige Fortbewegungsmittel ersonnen.
Im Gameplay selber halten sich ebenfalls Trümpfe und Nieten die Waage. Das Menü ist eher unpraktisch aufgebaut, so dass eine Gruppenheilung oder ein Wechsel der Ausrüstung unnötig umständlich ausfällt. Deutlich besser funktioniert da schon das Kampfsystem, welches sich simpel und schnell bedienen lässt. Während der 1st Person-Kämpfe wird einzig das Steuerkreuz benötigt, rechts für physische Angriffe, links für Magie usw. Apropos Magie. Im Verlauf des Spieles erhalten die Charaktere so genannte Zauberelemente, die im Zusammenspiel mit anderen neue Zauber hervorbringen. Mit jeder Benutzung eines Zaubers steigt die Kraftleiste der hierbei verwendeten Elemente etwas an, was mit der Zeit Selbige deutlich in ihrer Stärke aufwertet. Das bereits genannte Anwerbesystem ist auch eine genauere Ausführung wert: während 2 Charaktere über den Spielverlauf fest vorgeschrieben sind, können die beiden weiteren Partyplätze mit Charakteren aus der Taverne gefüllt werden, die zwar (in der Regel) auch im Level steigen, aber fest zugewiesene Ausrüstung und Zauber besitzen. Dadurch wird die Gruppenplanung ein wichtiges strategisches Gameplayelement.
Und das will gut überlegt sein, denn Paladin's Quest ist alles andere als einfach. Aber auch sonst ist Grinden dringend nötig: Wer nicht genügend levelt und Schatztruhen wie auch Läden nach starken Items absucht, gibt hier schneller den Löffel ab als ihm lieb ist. Mit jedem neuen Gebiet zieht die Gegnerstärke wieder ordentlich an und verlangt taktisches Denken vom Spieler. Wer nicht alle 8 Schritte um sein Überleben bangen möchte muss grinden, grinden, grinden. Schlimm ist auch, dass man bei Items wie auch Spezialfertigkeiten von Ausrüstungen erst einmal gezwungen ist die Wirkung auszuprobieren, was man meiner Meinung nach deutlich spielfreundlicher hätte einrichten könnten, beispielsweise mit einem Hilfetext im Menü. Auch die Knobeleien sind zum Teil heftig; eines der Rätsel ist sogar so schwer, dass man fast von Frust reden könnte (oder ich war schlichtweg zu doof). Wer versucht, durch das Spiel zu rennen, kann genau so gut versuchen, durch die Parfümabteilung zu laufen ohne Besprüht zu werden. Dennoch zieht die Schwierigkeit natürlich auch einen gewissen Reiz mit sich, Oldschool-RPGler der sehen das mehr als Herausforderung denn als Negativpunkt.
Bleibt nur noch die Technik zu beurteilen. Grafisch war Paladin's Quest für seinen Releasezeitpunkt wirklich seiner Zeit voraus, was zwar nicht viel heißt wenn man berücksichtigt, dass dieses Spiel in Japan 1992 auf den Markt gekommen ist. Allein dem originellen Stil wegen sind 7 Grafik-Punkte aber trotzdem gerechtfertigt. große Oberweltsprites, nette Gegneranimationen, satte Farben und psychedelische Maps verwöhnen und verwirren das Auge. Übrigens: Abgesehen von den Sprites mag sich der ein oder andere vom Stil und der Farbgebung her vielleicht an Earthbound erinnert fühlen. Für den Soundtrack wurde sogar der Anime-Composer Kohei Tanaka angeheuert. Einige Leute sagen, der Sound sei verdammt gut, ich finde eher, er ist im Vergleich zu anderen RPGs deutliches Mittelmaß. Da hat der Herr Tonaka später in Spielen wie Tengai Makyou Zero (SNES) und Granstream Saga (PS1) deutlich bessere Melodien abgeliefert. Der Nachfolger Lennus 2 (1996) schaffte es übrigens leider nicht in den Westen, was ich persönlich sehr schade finde, denn im Kontext mit dem durchaus grandiosen Lennus 2 hätte Paladin’s Quest vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 11. November 2011 um 06:28 Uhr